Reisefotografie: Tipps und Tricks für kontrastreiche Motive

Sommerzeit ist Reisezeit und damit auch Hochkonjunktur für Natur- und Reisefotografie. Doch wer kennt das nicht: die wunderschöne idyllische Altstadtgasse ist bei der Sichtung zuhause entweder teilweise im Schatten versunken oder der Himmel und die Dächer sind überbelichtet. Für viele Hobbyfotografen, und das passiert zum Teil auch erfahrenen Fotografen, ist das eine Enttäuschung, da die Aufnahme in keinster Weise dem entspricht was man gesehen hat.

 
 

Wie bekommt man aber besonders kontrastreiche Motive mit einen Kontrastumfang von ca. 14-15 Blenden in den Griff?

 

Viele Motive in der Reise- und Landschaftsfotografie weisen einen starken Kontrast auf. Unser Auge kann hohe Kontraste in einem gewissen Umfang durch Adaption ausgleichen. Der darstellbare Kontrastumfang (= Dynamikbereich) eines Bildsensors einer Digitalen Kamera hingegen ist sehr begrenzt, genauso wie der Dynamikbereich von Monitoren, Fotopapier oder Druckerzeugnissen. Ein Kontrastumfang des Motives von ca. 8-9 Blenden kann problemlos dargestellt werden. Für einen erfahrenen Fotografen, der exakt belichtet und eventuell einen kalibrierten Monitor verwendet, sollte ein Kontrastumfang von 10-11 Blenden kein all zu grosses Problem darstellen. Wie bekommt man aber besonders kontrastreiche Motive mit einen Kontrastumfang von ca. 14-15 Blenden in den Griff? Von diesen „Problemmotiven“ gibt es in der Reisefotografie sehr viele: Gegenlichtaufnahmen, aber auch Motive wie idyllische Sonnenuntergänge am Meer oder Landschaften im Hochgebirge weisen hohe Kontraste auf. 

 

 

Eine wichtige Regel ist, starke Kontraste überhaupt erst zu vermeiden. Viele Profifotografen fotografieren Landschaften ausschließlich in den frühen Morgenstunden oder spätnachmittags bis Abends, da das Licht während dieser Zeit wesentlich weicher ist. Lange Schatten werden vermieden wenn die Sonne im Rücken des Fotografen steht. Bei Gegenlichtaufnahmen sollte man darauf achten das Hauptmotiv vor einem dunklen Hintergrund zu positionieren, da sich in diesem Fall der hohe Kontrast lediglich als heller Lichtsaum um das Hauptmotiv bemerkbar macht. Lange Schatten können zwar gestalterisch sehr ansprechend sein, aber man sollte darauf achten dass die Schatten genügend Zeichnung haben. Je nach Kameramodell kann der Kontrastumfang des Motivs entweder über Kontrastmessung oder Histogramm überprüft werden. Ist der Kontrastumfang höher als 10 oder 11 Blenden, sollten die nachfolgend beschriebenen Techniken angewandt werden.

 
 

Verlaufsfilter

 
Ein klassisches Hilfsmittel für kontrastreiche Landschaftsfotografie, wie beispielsweise Motive in Hochgebirgen, ist der Verlaufsfilter. Damit kann der Himmel exakt belichtet werden, gleichzeitig erhält das Motiv im Vordergrund genügend Licht und wird nicht unterbelichtet. Verlaufsfilter gibt es in Neutralgrau, aber auch in verschiedenen Farben, meist in gelb oder orange-farbenen Abstufungen. Verlaufsfilter waren vor allem in der analogen Landschaftsfotografie nicht wegzudenken. Die Digitale Fotografie bietet durch Bracketing, HDR und RAW-Push andere Möglichkeiten, so dass die Verlaufsfilter heutzutage etwas an Bedeutung verloren haben.

 

 
 

Bracketing/HDR

 
Bracketing (automatische Belichtungsreihenaufnahmen) und HDR basieren auf der Idee mit verschiedenen Belichtungen starke Kontraste in den Griff zu bekommen. Bei HDR werden Belichtungsreihen von der Kamera zu einem Bild zusammengefügt, bei der Bracketing-Methode müssen die Belichtungsreihen später in einem Bildbearbeitungsprogramm manuell bearbeitet und zusammengefügt werden. Bei HDR hat das resultierende Bild oft einen etwas künstlichen, manchmal sogar reliefartigen Charakter. Die Bracketing-Methode ist zwar aufwändiger, aber dafür erhält man mit ein wenig Übung optimale Ergebnisse. Moderne Kameras bieten ausgefeilte Bracketing-Funktionen: man kann die Anzahl der Belichtungsreihe wählen, aber auch die Abweichung der Belichtung mit einer Genauigkeit von Drittel-Blendenstufen einstellen. Als Ausgangswert empfiehlt sich eine Belichtungsreihe von 3 Bildern mit einer Abweichung von jeweils einer Blende. Für die Belichtungsreihe ist nicht unbedingt ein Stativ erforderlich, da das Bild auch mit der Reihenbildaufnahme (z.B. 6 oder 8 Bilder/Sekunde) aufgenommen werden kann. Dabei nimmt die Kamera automatisch die eingestellte Anzahl der Aufnahmen mit der gewählten Belichtungskorrektur auf (in diesem Beispiel 3 Bilder -1/0/+1 Blende) auf. Im Bildbearbeitungsprogramm können die Belichtungsreihen automatisiert als Ebenen übereinander gelegt und exakt positioniert werden. Im letzten Schritt werden mit geeigneten Auswahlwerkzeugen die Belichtungsreihen ineinanderkopiert. Der Vorteil: der Fotograf hat den Kontrastumfang komplett im Griff, im Extremfall bis zu beispielweise 7 Aufnahmen mit jeweils Drittelblenden-Belichtungsunterschieden. Der Nachteil: je nach Motiv kann diese Methode sehr aufwändig sein, und diese Methode eignet sich nicht für bewegte Motive (Meeresbrandung, starker Wind und Bäume, Personen im Bild).

 


Example photo, fishing boats at sunset, Lake Malawi: Autobracketing, 3 exposures -1/0/+1 EV, manually combined in Photoshop

 
 

RAW-Push

 
Moderne Sensoren von Digitalen Kameras bieten einen unglaublichen RAW-Dynamikumfang mit bis zu knapp 15 Blendenstufen. Erreicht wird das durch ein extrem niedriges Bildrauschen, so dass Schattenbereiche sehr stark aufgehellt („gepusht“) werden können, ohne dass die Bildqualität extrem leidet. Wichtig ist, dass das nur für RAW-Aufnahmen gilt, wer also lediglich JPEG-Aufnahmen nutzt, kann hiervon nicht profitieren. Das Vorgehen ist sehr einfach: die Aufnahme wird auf die Lichter belichtet, was bei sehr starken Kontrasten zu zum Teil erheblich unterbelichteten Schattenpartien führt. Mit dem RAW-Konverter werden nun lediglich die Schatten aufgehellt, und das bei Bedarf sogar bis zu 4-5 Blendenstufen. Das Resultat ist ein korrekt belichtetes Bild mit guter Zeichnung in den Lichtern und in den Schatten, also vergleichbar mit der Bracketing-Methode. Die Vorteile: die Methode ist sehr einfach, es ist kein Stativ notwendig, es sind keine Belichtungsreihen notwendig, und es können auch bewegte Motive aufgenommen werden (was vor allem für Tierfotografen sehr interessant ist). Aber es gibt auch Nachteile: Der volle Dynamikumfang von bis zu knapp 15 Blenden steht nur bei ISO 100 zur Verfügung, bei höheren ISO-Werten verringert sich der nutzbare Dynamikbereich recht schnell. Durch die bewusste Unterbelichtung ist das Kontrollbild an der Kamera meist sehr dunkel und es empfiehlt sich deshalb zusätzlich ein normal belichtetes Bild als Kontrolle für eventuelle spätere Farbkorrekturen aufzunehmen. Größter Nachteil der Methode: bei genauer Betrachtung (100%-Ansicht) stellt man fest, dass die Schattenbereiche durch das Pushen ein höheres Rauschverhalten als die Lichter des Bildes aufweisen. In der Regel stellt das zwar kein allzugrosses Problem dar, man muss aber dennoch eventuell in Kauf nehmen, dass Bildagenturen gegebenenfalls Bilder im Extremfall wegen zu hohem partiellem Bildrauschen abweisen, obwohl das Bild bei normaler Betrachtung scheinbar völlig in Ordnung ist.

 


 

Die beschriebenen Techniken sind das tagtägliche Handwerkszeug professioneller Landschaftsfotografen, aber mit etwas Übung kann auch jeder Hobbyfotograf diese Tipps recht einfach umsetzen. Wichtig ist, ein Gefühl für den Kontrastumfang der Motive zu entwickeln. Moderne Kameras unterstützen dabei den Fotografen mit Hilfsmitteln wie Histogramm oder Über- und Unterbelichtungswarnungen. So sollte einer entspannten Reise nichts mehr im Wege stehen, und eventuelle spätere Enttäuschungen über Fehlbelichtungen bei kontrastreichen Motiven gehören hoffentlich der Vergangenheit an.
 
 


 
 

Über Dietmar Temps:

 
DietmarDietmar Temps ist diplomierter Medien- und Photoingenieur sowie ausgebildeter Fotograf mit über 20 Jahren Berufserfahrung in der Medienbranche. Er lebt in Köln, Deutschland. Seine ersten beruflichen Schritte in der Fotografie konnte er als Fotoassisent in ganz Europe sowie in Amerika sammeln. Im Anschluss studierte er Photo- und Medientechnik an der Technischen Hochschule Köln. Aktuell liegt sein Hauptaugenmerk auf der Realisierung von Foto- und Internetprojekten mit einem starken Fokus auf Reisefotografie, Social Networking und Video Streaming.
Auf seinem Travel-Blog schreibt er über seine Fotoreisen an die schönsten Flecken dieser Erde, die er in den zurückliegenden Jahren unternommen hat. Darunter waren viele Reisen nach Afrika, Süd Amerika und Asien.
Auf seiner Webseite finden sich zahlreiche Foto-Serien seines fotografischen Schaffens das in Bildbänden, Magazinen und Travel Blogs veröffentlicht wurde.

 

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Dietmar Temps
Photography and media design
Köln, Deutschland
dietmar.temps@gmail.com
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