Fülle

 

Der Frühling ist schon immer meine Lieblingsjahreszeit gewesen. Er schafft es, alle Bäume in Hülle und Fülle mit Blüten, Farben und Düften zu bedenken, Blumen blühen auf jeder Wiese und auf den Gesichtern aller Menschen ist ein Lächeln der Erleichterung zu sehen. Die Temperaturen steigen an und die Natur erobert sich wie jedes Jahr die Landschaft zurück. Der Schnee schmilzt allmählich, obwohl er dort, wo ich wohne, bis Juni liegen bleibt, und die Seen füllen sich wieder mit Wasser. So kehrt auch der Wunsch in mir zurück, wieder Landschaftsfotos zu machen, und wir beginnen mit der Planung von Wanderungen, um neue Alpenseen zu entdecken, die wir noch nie gesehen haben. Ehe wir uns versehen, ist der wahnsinnige Drang, endlich wieder an und unter den Hängen riesiger Berge zu fotografieren, wieder geweckt.

 

 

Ohne dass es einer Aufforderung bedürfte, sind wir bereit, nach draußen zu gehen und all die wunderbaren Möglichkeiten zu genießen, die die wärmeren Temperaturen und das schmelzende Eis uns bieten. Zuallererst – Klettern! Obwohl der Winter uns Eisklettern und Skifahren beschert, bereitet uns das Felsklettern bei Wärme von Jahr zu Jahr mehr Vergnügen. Das wohl Wichtigste für einen gelungenen Klettertag und gute Fotos sind Freunde. Wenn man mit einem Seil klettert, braucht man mindestens eine weitere Person, die sichert. Sind aber gleich drei oder mehr Leute dabei, ist es noch einfacher, an tolle Fotos zu gelangen, weil man so immer ein Klettermodell hat. Sogar in den letzten Stunden des Tages vor Sonnenuntergang können Sie immer noch neue Orte kletternd erkunden und die goldene Stunde für atemberaubende Bilder nutzen.

 

Für Aufnahmen wie diese empfehle ich, dass Sie eine gute Beziehung zu Ihren Modellen/Freunden haben, damit Sie sie an Orten positionieren können, die eine schöne Bildkomposition ergeben, oder vielleicht sogar den Ort der Aufnahme im Voraus planen. Dies ist überhaupt eine gute Herangehensweise an alle Landschaftsfotos, die Sie im Laufe des Jahres noch machen werden. Versuchen Sie immer, den Standort und die Lichtsituation im Voraus zu studieren und die Standorte zu bestimmen, an denen sich das Motiv noch mehr von der übrigen Landschaft abhebt.

 

 

Vor zwei Jahren habe ich zum Beispiel eine Wanderung zu einem Alpensee in meiner Region organisiert. Wir wussten, dass wir dank der starken Schneeschmelze der Berge, die ein Wasserbecken gebildet hatte, in dem sich die Dolomiten im Hintergrund spiegeln würden, unglaubliche Aufnahmen machen würden. Wir planten das Shooting außerdem so, dass es auf eine Vollmondnacht fiel. Sobald die Sonne untergegangen war, war er da, der Mond mit den ersten Sternen. Wir benutzten ein kleines Funkgerät, um mit dem Modell zu kommunizieren: „Zwei Sekunden lang nicht bewegen…3, 2, 1 und fertig!“ und machten einige unglaubliche Aufnahmen. Ein anderes Mal nutzten wir das leuchtende Grün und die helleren Tage des Frühlings, um einen kleinen See in den Dolomiten zu besuchen und mit ein paar Testaufnahmen ein schönes Bild mit der Spiegelung der Berge im See zu erhalten – trotz des noch hellen Lichts.

 

 

Natürlich kann man auch mal ohne all die sorgfältige Planung ein paar wunderbare Aufnahmen machen. Ich habe eine Menge Fotos in meinem Portfolio, die wir ungeplant gemacht haben, weil wir beschlossen hatten, eine neue Perspektive auf unserer Wanderung auszuprobieren. Wenn man sich an so großartigen Orten wie in den Bergen befindet, ist es besonders wichtig, Fotos aus so vielen verschiedenen Perspektiven wie möglich zu machen – vielleicht nur, um das Motiv und die Berge oder andere, noch viel größere Elemente in Beziehung zueinander zu setzen.

 

Auf einer Wanderung mit einer Gruppe von Freunden bemerkte ich plötzlich, dass die Sonne gerade zwischen den Gipfeln der Dolomiten unterging und einen schmalen Lichtstreifen auf der Wiese zurückließ. Ich zögerte keine Sekunde und bat einige meiner Freunde, langsam weiter dem schlecht markierten Weg zu folgen, und da war die Aufnahme: ein improvisiertes, aber gelungenes Foto.

 

 

Meine Aufnahme „On the Edge“ ist ein weiteres Beispiel dafür, dass ich versucht habe, das Motiv meines Fotos in eine der Landschaft unterlegene Position zu bringen. Es war ein sehr langer Aufnahmetag und wir waren auf dem Weg nach Hause, als ich diesen isolierten Felsturm mit seiner schönen Aussicht auf den Sonnenuntergang im Hintergrund bemerkte. Also positionierten wir das Model direkt an der Kante des Felsens. Unter ihren Füßen war ging es 300 Meter in die Tiefe und sie stand einfach da und bewunderte den Sonnenuntergang.

 

Mit dem Beginn einer neuen Jahreszeit empfehle ich jedem, rauszugehen und so viel wie möglich zu fotografieren! Leider ist dieses Jahr kein Reisejahr, aber nutzen Sie die Gelegenheit, vor der eigenen Haustür auf die Pirsch zu gehen und machen Sie das Beste aus der Situation. Fotografieren Sie die gesamte Schönheit, die auch dieser Frühling bringen wird!

 
 

Über den Autor – Camilla Pizzini

 

 

Camilla Pizzini wurde 1996 in Rovereto, Trentino-Südtirol, Italien, geboren. In ihrer Teenagerzeit hat sie sich in die Fotografie verliebt. Sie erwarb einen Bachelor-Abschluss in Design an der Freien Universität Bozen, der es ihr ermöglichte, ihre Kenntnisse in visueller Kommunikation und zeitgenössischer Kunst zu erweitern.

 

Seitdem arbeitet sie als Fotografin für kommerzielle Aufträge (Firmen-, Event-, Porträt-, Outdoor- und Sportfotografie) und arbeitet an eigenen Projekten.

 

Ihre tägliche Inspiration findet sie in der freien Natur, in den Bergen oder beim Sport.

 

Fotografisches Genre: Outdoor, Landschaft, Sportfotografie