Die Stille fotografieren – von Jess Santos

Schließen Sie die Augen und stellen Sie sich vor, wie Sie zwischen den hoch aufragenden Felsen des Südwestens der USA sitzen, während die Sterne über Ihnen lautlos funkeln, als ob sie sich gegenseitig endlose unverschlüsselte Botschaften senden. Um Sie herum wird es still, die einzigen Geräusche, die Sie wahrnehmen können, sind das schwache Zirpen der Grillen und das Klicken der Fledermäuse, die ziellos umherschwirren und nach einem schnellen Snack suchen. Während Sie dasitzen und alles in sich aufnehmen, spüren Sie ein überwältigendes Gefühl der Stille, an diesem Ort zu sein, in diesem Moment – nur Sie und die Natur. Als Landschaftsfotografen verlieren wir oft das Gespür für die überwältigende Ehrfurcht vor der Stille in der Natur. Wir sind ständig auf der Jagd nach der perfekten Aufnahme. Von dem Moment an, in dem wir am Ort des Geschehens ankommen, suchen wir nach einer Bildkomposition, schauen auf unsere Telefone, um die Zeit für den Sonnenuntergangs erneut zu verifizieren, bauen unsere Ausrüstung auf und wählen die Einstellungen für das perfekte Foto. All diese Gedanken nehmen unsere Sinne in Beschlag.

 

Nachdem ich das Gefühl hatte, diese Stille nicht genug erfahren und gewürdigt zu haben, begann ich in den letzten Jahren, mich darin zu üben, gezielt Stille in der Natur und in meinen Fotos zu suchen. Das Ziel dabei war, eine intensivere Verbindung zu der uralten Szenerie zu spüren, die ich gerade einfing. Das konnte ich erreichen, indem ich mir ein paar Minuten Zeit nahm, um dort zu sitzen, meine Augen zu schließen und meine anderen Sinne zu nutzen, um den Moment zu erleben und mich auf die Stille der Wüste einzulassen. Während dieser Zeit stellte ich mir vor, was diese Landschaft durchgemacht hatte, wie viele Jahre sie schon existierte, und was diese Felsen in den Millionen von Jahren, die sie über diese trostlosen Orte wachten, gesehen hatten (wenn sie Augen hätten). Durch diese Praxis habe ich eine stärkere Verbindung zwischen mir und der Landschaft gefunden, die ich fotografiere. Dann nutze ich diesen Moment der Verbundenheit und Ruhe, um die Geschichte dieser Orte besser zu erzählen.

 

Häufig wird uns beigebracht, ständig Bewegung mit Standbildern einzufangen, aber oft erzählt die Stille in unseren Fotos eine viel interessantere Geschichte und vermittelt dem Betrachter einen Hauch von Nostalgie. Wir können dieses Konzept der „Stille“ nutzen, um unser Publikum in einen friedlichen Moment zu versetzen, den wir empfinden, wenn wir die Sonne am Horizont versinken sehen oder die Sterne im Wald beobachten. Ich persönlich verbinde Stille mit der Ruhe und Weite dieser Orte in der Natur, und ich versuche, dies über meine Bilder so gut wie möglich zu vermitteln. Das Einfangen von Bewegung im Wasser zum Beispiel ist bestens geeignet, die Stärke der Strömung zu einzufangen, aber die Stille einer Reflexion in einem See fängt auf wunderschöne Art die Ruhe ein, die in diesem Moment herrschte.

 

Die Szene selbst muss nicht zwangsweise immer still sein, damit wir „Stille“ einfangen können, aber wie vermitteln wir Stille mit einer bewegten Szene? Versuchen Sie das Motiv zu isolieren und alle störenden Objekte am Bildrand zu vermeiden und eliminieren Sie jegliche Ablenkung von Ihrem Hauptmotiv. Das Ziel ist es, ein Gefühl der Ruhe zu erzeugen und die Augen des Betrachters durch das Foto schweben zu lassen, anstatt sie durch unnötige Unordnung zu verwirren. Das Schaffen dieses negativen Raums ist eine der besten Möglichkeiten, das Auge des Betrachters für einen Moment auf das zu lenken, was wir als Künstler als Hauptmotiv festgelegt haben. Achten Sie besonders darauf, was Sie in die Komposition einbeziehen, alles im Bild sollte dem Gesamtthema dienen. Weniger ist mehr, wenn es darum geht, Stille zu vermitteln. Wenn ein Objekt der Geschichte nicht dienlich ist, lassen Sie es am besten weg.

 

 

Wenn Sie das nächste Mal draußen unterwegs sind, um die Schönheit dieses Planeten zu fotografieren, nehmen Sie sich einen Moment Zeit, um zu atmen und zur Ruhe zu kommen. Lassen Sie die wahrgenommene Stille und das Gefühl des Friedens auf sich und Ihre Geschichte wirken. Vermitteln Sie Ihren Betrachtern, die in diesem Moment nicht neben Ihnen stehen können, wie es sich anfühlt, von solch herrlichen Naturschönheiten umgeben zu sein, und verlieren Sie nie das Gefühl der Ehrfurcht, das Sie empfunden haben, als Sie zum ersten Mal den Sonnenuntergang oder den Sternenaufgang durch Ihr Objektiv beobachtet haben.

 

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