Die Rolle des Fotografen bei der Gestaltung der Medien

 

Als Fotografen haben wir viel Einfluss und, wie man so schön sagt, viel Verantwortung. Die Art und Weise wie wir unser Thema darstellen, ist, wie es von einem großen Publikum gesehen wird. Wie etwas porträtiert wird, wird in der öffentlichen Psyche verinnerlicht. Geschlechtsspezifische, rassistische und heteronormative Stereotypen können ebenso verstärkt werden wie es möglich ist, Randgruppen zu ignorieren. Selbst Fotojournalisten mit der Aufgabe, etwas so zu dokumentieren, wie es ist, projizieren ihre eigenen Vorurteile, Erfahrungen, Überzeugungen in den Aufbau eines Bildes. Es ist unmöglich, es nicht zu tun.

 

 

Als Modefotografin und lebenslange Konsumentin von Modemagazinen wäre es für mich ein Leichtes, das fortzuführen, was jahrzehntelang vor mir getan wurde. Ich habe die von der Mode- und Schönheitsindustrie seit Jahrzehnten aufrechterhaltenen Schönheitsstandards verinnerlicht. Aber ich muss daran denken, dass Frauen mein Publikum für die Bilder sind, die ich mache. Ich erweise den Frauen, der Gesellschaft und mir selbst einen schlechten Dienst, wenn ich Fotos mache, die die Vorstellung verstärken, dass man dünn, weiß und übernatürlich jung sein muss, um schön zu sein, um eine Daseinsberechtigung zu haben, um gesehen zu werden. Denken Sie darüber nach, wie das Selbstwertgefühl junger Mädchen und Frauen durch die Medien, die sie konsumieren, geprägt wurde und welche Auswirkungen diese Prägung auf ihr ganzes Leben hat.

 

 

Der erste und offensichtlichste Ansatz für Veränderung ist ein auf Vielfältigkeit ausgelegtes Modelcasting; Frauen mit unterschiedlicher Größe, Abstammung und Alter. Dies darf auch keine symbolische Geste sein oder etwas, das ab und zu passiert. Es muss ein konsistenter und nachhaltiger Ansatz seitens der Casting-Abteilung, Fotografen, Zeitschriftenredakteure oder jeder anderen Person sein, die Einfluss darauf hat, an wen der Job vergeben wird. Es ist enorm wichtig, sich selbst in den Medien vertreten zu sehen. Die Medien, die Sie konsumieren, prägen die Welt, in der Sie leben.

 

Ein möglichst vielfältiges Casting ist allerdings ist nur ein Puzzlestück in diesem Gesamtgebilde. Was ist, wenn der Fotograf, der das Modell fotografiert, Vorurteile oder Stereotypen verinnerlicht hat? Deshalb ist Vielfalt hinter der Kamera genauso wichtig wie davor.

 

Ich habe nie verstanden, warum das Zielpublikum von Modemagazinen Frauen sind, aber überwiegend Männer damit beauftragen werden, Frauen zu fotografieren. Zeitschriften, Modemarken und Agenturen müssen nicht nur ihre Casting-Praktiken kritisch hinterfragen, sondern auch Fotografen unterschiedlichen Geschlechts, unterschiedlicher Rasse und unterschiedlichen Alters mit Jobs beauftragen. Geschieht dies nicht, wird uns weiterhin nur eine einzige Sicht der Dinge vermittelt.

 

 

Als Fotografin muss ich mir meine Entscheidungen genau überlegen und problematische Briefings von Kunden in Frage stellen. Wenn zum Beispiel teilweise Nacktheit gewünscht wird, müssen wir als Fotografen nachhaken und nach dem Grund fragen. Wenn es nicht notwendig oder irrelevant für die Story ist, dann fotografieren Sie es so nicht. Wenn der Inhalt oder die Stimmung der Bilder für eine Zielgruppe von über 18 Jahren gedacht ist, dann können wir keine 15-Jährigen dafür casten. Minderjährige Models sollten bei Shootings immer eine Aufsichtsperson dabei haben. Dann sind beim Shooting selbst Entscheidungen über Haare und Make-up wichtig. Wenn Sie ein schwarzes Model gecastet haben, stellen Sie sicher, dass Sie einen Friseur am Set haben, der sich mit schwarzem Haar auskennt. Dann ist da noch die Bedeutung von Photoshop. Das Verschlanken von Models ist in der gesamten Branche allgegenwärtig, aber völlig inakzeptabel. Ich habe Geschichten darüber gehört, dass die Nasen der Models verkleinert, die Hautfarbe aufgehellt, die Beine verlängert und natürlich die Hauttextur geglättet werden.

 

Für Fotografen ist es wichtig, sehr klare Grenzen für die Retusche zu ziehen und das Aussehen des Modells nicht völlig zu verändern. Sagen Sie nein zu einer Veränderung der Hauttextur eines Modells, verweigern Sie das Verschlanken von Körperteilen. Sagen Sie Nein zu einer Anpassung der Gesichtszüge oder des Hauttons, dies ist besonders in der Retuschephase für farbige Models wichtig.

 

 

Ich habe eine Liste mit einigen Dingen erstellt, die wir als Fotografen tun können, um das Gleichgewicht wieder herzustellen:

 

  • Casten Sie vielfältig und das vor allem ständig. Ein schwarzes Model von Zeit zu Zeit reicht nicht aus.
  • Wenn Sie nicht über das Modelcasting zu entscheiden haben, überzeugen Sie Ihren Kunden, dass er anders castet. Wenn Sie eine Absage erhalten, fragen Sie, warum. Drängen Sie weiter, stellen Sie weiter Fragen.
  • Verweigern Sie eine Retusche, die das Model verschlankt, Gesichtszüge oder Hauttöne verändert.
  • Casten Sie altersgerecht. Ein 17-jähriges Model sollte nicht für ein Hochzeitsshooting engagiert werden.
  • Stellen Sie die Notwendigkeit von Nacktheit oder teilweise nackten Bildern in Frage.
  • Wenn Sie selbst einen Auftrag nicht annehmen können und nach einer Empfehlung gefragt werden, empfehlen Sie einen Fotografen, der aus einer Randgruppe oder einer unterrepräsentierten Gruppe stammt.
  • Wenn Sie selbst keinen Fotografen au seiner Randgruppe kennen, recherchieren Sie welche – die Suche dauert gerade einmal 2 Minuten.
  • Stellen Sie ein möglichst vielfältiges Team ein und hören Sie unvoreingenommen auf das Feedback Ihrer Teammitglieder.
  • Wenn Sie unangemessenes Verhalten am Set sehen oder jemand unhöflich angesprochen wird, sagen Sie etwas dazu. Geben Sie Ihrem gesamten Team auf allen Ebenen die Zuversicht, dass sie genauso handeln können.

 

Diese Liste ist keineswegs vollständig, aber wenn wir alle weiter auf Veränderungen drängen, wird sich auch etwas ändern. Lassen Sie uns gemeinsam die aktuelle Situation verbessern!

 
 

Über die Autorin – Holly McGlynn

 

 

Die in Dublin geborene Fotografin und Friends with Vision Mitglied Holly McGlynn ist in London ansässig. Hollys Werke werden in Magazinen wie Cosmopolitan, Grazia und Glamour vorgestellt. Sie hat auch an Projekten für führende Marken wie Faberge, Chanel, Playboy und Levi’s gearbeitet. Farbe spielt eine große Rolle in der Art und Weise wie sie Weiblichkeit und die Wahrnehmung von Frauen in der Modebranche darstellen möchte. In diesem Blog spricht sie über ihre Reise in die Modefotografie und über Fragen der Präsentation in dieser Branche.

   

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