Arbeiten Mit Farbcharts – Datacolor

NOISUF-X „Let’s Rock“ – Musikpromotion

 

 

Im Filmgeschäft werden häufig die Werkzeuge übersehen, die speziell für eine effizientere und deutlich erfolgreichere Nachbearbeitung gedacht sind, damit Künstler und Kunde ihr gemeinsames Ziel besser erreichen. Eines dieser Werkzeuge ist ein Farbchart. In diesem Fall wählen wir Datacolors SpyderCHECKR24 wegen seiner höchst präzisen spektral entwickelten Farbfelder. Die typische Ausrede, am Set sei nicht genug Zeit dafür, ist schlichtweg falsch, ganz besonders bei Musikvideos, die stark auf Ästhetik angewiesen sind, die speziell in der Nachbearbeitung erzielt wird. Dieser Blog beschreibt ein Szenario, in dem wir eindrucksvolle Ergebnisse mit nur geringem zusätzlichen Einsatz von Geld, Zeit und Mühe on Location erreichen konnten.

 

Vita

 

Arthur Graham MawArthur Graham-Maw ist Colorist und Gründer der Emanate Studios, einer exquisiten Postproduktionsfirma in London, UK, die sich auf Colourgrading und Filmveredelung spezialisiert hat. Sie bietet auch andere Dienstleistungen in der Postproduktion an, so etwa Tagesdispositionen, Digital Imaging Technik, Betreuung von Postproduktionsprojekten und Offline / Online Bearbeitung. Arthur hat bereits an zahlreichen Projekten gearbeitet – von Werbespots, Musikpromos oder Branded Content-Produktionen über Projekte beim Fernsehen, Dokumentationen, Kurzfilme und Features. Arthur tritt niemals auf der Stelle und besticht durch Wissensdurst und Innovation in seiner Domäne, damit er seinen Kunden nicht nur einen exquisiten, sondern auch gründlich recherchierten und durchdachten Designerlook anbieten kann.

 

 

„Auf mich hatte Farbe schon immer einen wichtigen Einfluss, ohne dass es mir bewusst gewesen wäre bevor ich mich mit dem Colourgrading im Filmgeschäft auseinandergesetzt habe. Ich begann meine Karriere in der Postproduktion als Cutter und da ich schon mit 16 Jahren Filmemacher werden wollte, kannte ich jede Komponente und jeden Fachbereich in der Filmindustrie bis auf das Colougrading. Auf sie stieß ich erst 2013 und sie lag mir einfach von Anfang an. Mir wurde auch gesagt, dass ich ein Auge für Farbgebung habe. Ich erinnere mich, dass ich schon in der Schule gerne Kunst belegt habe, gerne gezeichnet und gemalt habe und dass mir auch Technik & Design gelegen haben. Ich habe immer schon gerne mit meinen Händen an Holz und Metall gearbeitet. Weitergebildet habe ich mich gezielt in den Bereichen abstrakter Formen, Ausdruck durch Bildsprache in Farbe und Tönungen und welche psychologischen Effekte Farben haben. Ein Verständnis für Ergonomie und Materialtextur im Design, in Kombination mit meiner Technikaffinität für Computer und die Liebe zum Filmemachen haben dazu geführt, dass ich mich für eine Karriere im Colourgrading entschieden habe.“

 

Das Team

 

Vor einiger Zeit habe ich bei einer Musikpromo namens NOISUF-X „Let’s Rock“ Regie geführt und das Video anschließend auch geschnitten und mit der entsprechenden Farbkorrektur versehen. NOISUF-X ist ein bekannter deutscher Elektrokünstler, der mit aggressiven Techno-Beats überzeugt. Das Videokonzept war simpel, hatte kein großes Budget zur Verfügung und der Dreh in meinem Studio hat richtig viel Spaß gemacht – nicht zuletzt dank des großartigen Teams von Andrea Neo (Diretor of Photography), Christian Parton (Produzent) und Megan Koriat (Makeup & Haar-Designer). Wir shooteten zwei Tage mit einer Arri Amira 4k UHD ProRes und einem Set von Cooke S4i Objektiven.

 

 

Workflow

 

Andreas Neo (Director of Photography) setzt schon immer diese Technik ein, bei der er zuerst seinen Farbchart (Datacolor SpyderCHECKR24) für jedes Set und jede Lichtsituation fotografiert. Andreas glaubt fest daran, dass ein digitaler Workflow von solchen älteren Filmtechniken profitieren kann. Ich kannte dieses Vorgehen aus dem Shooting für Davinci Resolve und wollte sie im Rahmen dieses Musikvideodrehs selbst einmal ausprobieren.

 

 

Es war ein wahrlich einfacher Prozess mit fabelhaften Ergebnissen. Wir hatten eine unglaubliche Farbtrennung und jede Menge Kontrast, ohne dass ich bei der Nachbearbeitung extrem hätte korrigieren müssen. Wir hatten ein Bild mit vollem Dynamikumfang, ohne dass die Tiefen zu dunkel geworden sind oder Spitzlichter ausgefressen waren. Es kam mir fast vor als hätte ich schon Hand angelegt. Kontrolle und Mastering liefen über Video (Legal) Rec709.

 

Nachfolgend sehen Sie drei Stills: 1x vor Bearbeitung in Arri Log-C, 1x das Monitoring mit Arri Rec709 und die finale Fassung für einen Vorher-/Nachher-Vergleich:

 

 

Natürlicher Kontrast

 

Achten Sie bei dem folgenden Bild darauf, wie beim Einschenken die Spitzlichter rein weiß und Schatten vollständig schwarz sind, wir aber dennoch einen sanften und normal wirkenden Kontrast erzielen. Dadurch erhält das Bild einen hohen Dynamikumfang. Wenn Sie aber einen Blick auf die Histogramme werfen, sehen Sie wie weit die Graphen tatsächlich von ihren Extrempunkten entfernt liegen.

 

 

Gamutkontrolle

 

Ein weiterer wichtiger Punkt, auf den ich achten musste, war die Kontrolle der Farbsättigung. Manchmal musste ich sie manuell zurückschrauben, um krasse Übersättigung zu vermeiden, so etwa bei dem Take mit dem Ballon, kurz bevor er platzt. Allerdings ist der Farbchart der Hauptverantwortliche für diese grandiose Farbwiedergabe. Schauen Sie sich die Vektorskope an und Sie sehen wie schön die Farben herausgearbeitet sind.

 

 

Um ein natürliches Gleichgewicht mit den Farbcharts zu halten, habe ich bewusst den Gammawert beibehalten, sodass wir Ziel und Quelle gleich halten und so die Gamutinterpretation der Kamera übernehmen konnten. Wir haben sie also als LUT eingesetzt und dann ganz normal im Anschluss im Log-C-Farbraum angepasst.

 

Schneiden

 

Wenn Sie sich die Videotracks in der Timeline genauer ansehen, stellen Sie fest, dass Videotrack 4 alle Aufnahmen von den Farbcharts enthält, die für die jeweilige Bilderserie relevant sind. Ich blende diese Spur ein und aus wenn ich die Farbcharts anpassen muss. Das muss im Vorhinein vorbereitet werden, sobald man sich auf die Grade in der NLE festlegt. Ich schneide mit Premiere Pro CC bei Raw native 4k ProRes in einer Sequenz von 1080p (Sie benötigen einen leistungsstarken Rechner, um damit klarzukommen – ich hatte 6 SSDs in einer RAID 0 Konfiguration mit 1500MB/s am Start und brauchte daher keine Proxies. Das hatte beim Schneiden den Vorteil, dass ich jede einzelne Aufnahme, die ich auswählte, extrem detailreich anzeigen lassen und effektiver rein- und rauszoomen konnte. So war es für mich bedeutend einfacher zu selektieren, dass das Bildmaterial, das ich verwendete, auch wirklich scharf war.

 

 

Lieber vorher als nachher

 

Wenn ich die Spur mit den Farbcharts abstelle und alles andere an lasse, sehen Sie welchen Unterschied das macht. Um Bilder in dieser Qualität mit konventionellen Colourgrading-Techniken zu erzielen, muss man einen aufwändigen und recht künstlichen Prozess innerhalb der Grading-Software durchlaufen. Um aber diesen ausgewogenen, farbenfrohen und glamourösen Look zu erzeugen, der in der Industrie so beliebt ist, benötigt man einfach nur einen sorgfältig geplanten Einsatz von Farbcharts am Set.

 

Eine Anmerkung vom Director of Photography, Andreas Neo:

 

„Ich habe eine großartige Erfahrung bei der Arbeit mit Arthur in den Emanate Studios bei der Farbgebung im Rahmen dieses Videodrehs gemacht. Der Einsatz von Farbcharts ermöglichte es uns, das Maximum aus unserer gewählten Farbpalette herauszuholen und sie haben uns maßgeblich dabei geholfen, den Look umzusetzen, den wir uns vorgestellt hatten. Wir wollten außerdem mögliche Hautunreinheiten ausbessern, ohne dabei die Natürlichkeit von Haut oder Gesicht zu beinträchtigen. Arthur hat ein tolles Plug-In namens Beauty Box verwendet, mit dem wir zwar die Haut glätten, aber dennoch genügend Bilddetails beibehalten konnten. Ich bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis und finde, wir hatten einen reibungslosen Workflow.“

 

 

Farbwahl

 

Wir bei Emanate Studios sind stolz darauf, verschiedene Looks je nach den Briefinganforderungen unserer Kunden umsetzen zu können. Die Nachahmung von Farbwiedergaben aus der Vergangenheit oder auch die Umsetzung aktueller oder futuristischer Looks beeinflussen unsere psychologische Wahrnehmung, allein durch die Wahl von Farbe, Textur und Tonalität. Diese Methode machen wir uns zu Eigen wenn wir uns für eine bestimmte Farbgebung entscheiden und manchmal machen wir Vorschläge und geben Denkanstöße wenn unser Kunde offen für Experimente ist. Wir verwenden viele Produkte fürs Colourgrading und entwickeln auch unsere eigenen Methoden, die dann in bereits bestehende Workflows integriert werden. Im Moment entwickeln wir eine moderne Fassung des klassischen Zwei-Farben-Verfahrens, ähnlich dem in The Aviator (2004).

 

 

Fazit

 

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Farbcharts eins von vielen Werkzeugen sind, die einem dabei helfen, in der Filmbranche mehr Kontrolle zu erlangen – egal bei welchem Auftrag. Mit ihnen lässt sich Zeit in der Nachbearbeitung sparen und so bleibt mehr Zeit für Kreativität. Häufig muss ich Shots nachbearbeiten, die vermeintlich einfach zu retten scheinen, aber es ist wichtig, ständig die Lichtbedingungen am Set im Auge zu behalten. Wenn man beispielsweise eine Totale draußen in der Sonne shootet und sich plötzlich eine Wolke vor die Sonne schiebt, ändern sich sofort Belichtung, Farbtemperatur, Dynamikumfang und damit das gesamte Look and Feel. Anstatt darauf zu warten, dass die Sonne wieder rauskommt, kann ein schneller Weißabgleich und eine Belichtungskontrolle in Kombination mit Farbcharts vieles von dem, was verloren schien, wieder herausarbeiten. Ich empfehle Regisseuren, Produzenten, Directors of Photography und Coloristen, sich diesen Prozess zu Eigen zu machen, egal mit welcher Kamera man filmt oder für welche Produktion man im Einsatz ist.

 

P.S. Ja, es sind lebendige Kakerlaken!

 

Hier ist das fertige und veröffentlichte Musikvideo:

 

 

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https://www.movidiam.com/blog/948/workingwith-colour-charts