Wasserfälle fotografieren

Von David Long

 

Menschen lieben Wasserfälle. An jedem Ort auf der Welt, wo es einen oder mehrere Wasserfälle gibt, ist es garantiert so, dass sie eine, wenn nicht sogar die Hauptattraktion der Region sind. So schön Wasserfälle auch sind, so schwierig kann es sein, ihre Schönheit mit der Kamera einzufangen. Es ist zwar schon sehr einfach, Wasserfälle zu knipsen, ganz besondere Bilder von ihnen sind jedoch nicht so einfach zu fotografieren.

 

Wasserfälle bringen einige fotografische Herausforderungen mit sich, mit denen man sich gründlich auseinandersetzen sollte. In diesem Artikel geht es um diese einzigartigen Herausforderungen und ihre Lösungen, damit Sie als Fotograf Bilder von Wasserfällen machen können, die der sich vor der Kamera befindlichen Kraft und Schönheit der Natur auch gerecht werden.

 

 

Kleidung

 

Sicher ist Kleidung ein eher ungewöhnlicher Punkt, um damit meine Tipps zur Wasserfallfotografie zu beginnen, aber ich nehme seit Jahren bereits Wasserfälle auf ohne dass ich mich dabei selbst im Wasser befinden würde. Manchmal war das prima so, aber manchmal kam ich so nicht an den gewünschten Blickwinkel oder ein Strauch oder auch Bäume waren im Weg. Irgendwann habe ich mir dann eine Wathose gekauft und fühlte mich sofort befreit und so viel flexibler. Es gibt einfach nichts besseres, als stromaufwärts oder in einen flachen Teich zu waten, um genau die gewünschte Perspektive zu erreichen. Ich mag eine Wathose lieber als wasserfeste Schuhe und/oder Socken, weil ich damit komfortabel bis zur Mitte der Oberschenkel ins Wasser gehen kann, ohne nass zu werden. Auch bei anderen Aufnahmen von Wasserlandschaften erweist sich die Hose als sehr nützlich.
 

Wetter

 

Das Wetter spielt bei der Aufnahme von herausragenden Wasserfallfotos eine sehr wichtige Rolle. Einfach gesagt, lassen sich Wasserfälle bei schönem sonnigen Wetter nicht besonders gut fotografieren. Am besten eignet sich tatsächlich ein bedeckter Himmel für die Aufnahme. Einige Wasserfälle lassen sich auch bei leichter Bewölkung gut fotografieren, denn eine leichte Wolkendecke erzeugt eine weiche Szenerie, bringt aber noch immer die Farben zum Leuchten.

 

Andere Wasserfälle dagegen lassen sich bei dichterer Wolkendecke besser fotografieren. Durch die dichten Wolken entsteht eine düstere Stimmung, die sich fotografisch gut transportieren lässt. Tatsächlich lassen sich aussagekräftige Wasserfallfotos sogar bei Regenwetter erzeugen – sprich, alles außer einem sonnigen Tag eignet sich…

 

Nicht immer treffen Sie die perfekten Wetterbedingungen an. Wenn das der Fall ist, achten Sie darauf, dass der Wasserfall schön beschattet ist oder ihn zumindest die Sonne nicht direkt trifft.

 

Stativ

 

Denken Sie nicht einmal daran, einen Wasserfall ohne Stativ zu fotografieren! Der Wasserfall lebt durch die Bewegung des Wassers. Diese Bewegung wird meistens mit Belichtungszeiten fotografiert, die so lang sind, dass sie aus der Hand keine verwackelungsfreien Bilder hinbekommen.

 

Belichtungszeit

 

Welche Belichtungszeit sollten Sie für Wasserfälle wählen? Das ist die erste Frage, die mir üblicherweise gestellt wird. Es gib allerdings so etwas wie die „richtige“ Belichtungszeit für Wasserfälle nicht. Die passende Belichtungszeit hängt von mehreren Faktoren ab:

 

  • dem gewünschten Unschärfe-Effekt
  • der Wassermenge
  • der Geschwindigkeit des Wassers

 

Somit variiert die perfekte Belichtungszeit von Wasserfall zu Wasserfall. Hier sind meine Empfehlungen:

 

  • Bei großen Wasserfällen mit hohem Volumen turbulenten Wassers und wenn Sie die gewaltige Kraft des fallenden Wassers einfrieren möchten, ist 1/100 Sekunde ein guter Ausgangspunkt. Wünschen Sie einen seidigen Effekt, ist eine Belichtungszeit von 1/8 bis ¼ Sekunde ein guter Anfang.
  • Bei kleinen Wasserfällen oder Wasserfällen mit weniger Wasser, bei denen Sie einen verträumten Look erreichen möchten, empfiehlt sich eine Belichtungszeit von 1/10 Sekunde bei schnell fließendem Wasser, 1 Sekunde bei minimalem Wasserfluss. Längere Belichtungszeiten nehmen dem Wasser schnell die Textur und lassen den Wasserfall extrem „weich“ aussehen.

 

Machen Sie Aufnahmen mit verschiedenen Belichtungszeiten und sehen Sie sich die jeweiligen Ergebnisse am Kameradisplay an.

 

 

Filter

 

  • Polfilter – Nasse Objekte verursachen oft Spiegelungen und Reflexe. Dies ist besonders bei Wasserfällen ein Problem, weil die Felsen und Vegetation in der Nähe des Wasserfalls nass sind und garantiert einige Reflexe erzeugen. Ein Polfilter reduziert diese Blendlichter. Der Polfilter hat aber noch einen weiteren Effekt, denn durch die Reduktion des Glanzes verstärkt sich die Farbsättigung.
  • Neutraldichte-Filter (ND) – Da Belichtungszeiten bei der Erreichung des gewünschten Looks des Wasserfalls kritisch sein können, ist es wichtig einen Satz von 3- und 6-Stop-ND-Filtern dabei zu haben, mit denen Sie die Menge des durch das Objektiv einfallenden Lichts einschränken. So erzielen Sie sogar zur hellsten Tageszeit längere Verschlusszeiten.
  • UV-Filter – Eine der größten Herausforderungen bei der Wasserfall-Fotografie hat mit den Wassertropfen auf dem Objektiv (oder den Filtern davor) zu tun. Große Wasserfälle produzieren einen feinen Nebel. Auch das Wetter kann mit Nebel, Niesel oder stärkerem Regen Feuchtigkeit erzeugen, die sich auf Ihr Objektiv legt. Zusätzlicher Wind erschwert diese Bedingungen weiter. Eine erste Lösung kann darin bestehen, einen klaren (UV) Filter vor das Objektiv zu montieren, während Sie die Kamera aufstellen und einsatzbereit machen. Sobald Sie fertig sind, kann der Filter für eine „saubere“ Aufnahme abgenommen werden.

 

Bildkomposition

 

Eine überzeugende und aussagekräftige Bildkomposition zu finden und aufzunehmen ist ein wichtiger Bestandteil bei der Aufnahme von Wasserfallbildern, die nicht an jeder Ecke zu sehen sind.

 

  • Kurven bereichern ein Wasserfallfoto. Wasserfälle mit Wasser, das in Kurven fließt oder fällt, erzeugen in der Regel mehr Interesse beim Betrachter als Wasserfälle, bei denen das Wasser einfach nur gerade herunter fällt. Anmutige Kurven verleihen einem Wasserfall einfach eine gewisse Eleganz.
  • Die zweite Komponente einer Wasserfall-Bildkomposition ist die Umgebung des Wasserfalls, die bei vielen Fotos sehr wichtig ist. Das fallende Wasser alleine ist selten interessant, aber die Umgebung verleiht Ihrem Bild das gewisse Etwas. Warum also nicht ein wenig der Umgebung mit ins Bild einbeziehen um genau diesen Charakter zu betonen? Die umgebenden Felsen, Bäume, Vegetation und sogar Gebäude und Dämme können das Foto des Wasserfalls lebendig und interessant machen.

 

Belichtung

 

Die richtige Belichtung zu erzielen kann bei der Wasserfall-Fotografie eine Herausforderung sein. Wahrscheinlich ist das größte Problem, dass man sehr schnell die Spitzlichter im Wasser überbelichtet. Wenn dies passiert, geht jegliche Detailzeichnung im Wasser verloren und das Wasser wird zu einer großen, weißen, langweiligen Fläche. Lösen Sie dieses Problems durch Spotmessung auf den hellsten Punkt des Wasserfalls. Eine Testaufnahme und die Überprüfung des Histogramms auf dem Kameradisplay helfen dabei. Wenn das Histogramm an der rechten Seite abgeschnitten ist, sind die Spitzlichter überbelichtet und Sie müssen die Belichtung muss verringern.

 

Licht

 

Setzen Sie sich mit der besten Tageszeit für Ihr Fotoabenteuer auseinander. Auch wenn der frühe Morgen und späte Nachmittag normalerweise das beste Licht bieten, mag das für den Wasserfall Ihrer Wahl nicht gelten. Das Verständnis für die Richtung, in die Sie fotografieren werden und wie viel der Szenerie im Schatten liegen wird, sollte ein wichtiger Bestandteil Ihrer Planung vor Reiseantritt sein.

 

Perspektive

 

Normale Wasserfallaufnahmen zeigen den gesamten Wasserfall, kreativ zu werden kann allerdings ganz besondere Ergebnisse bringen. Widerstehen Sie dem Drang, sich sofort am üblichen Aufnahmestandpunkt auszubreiten und gehen Sie stattdessen um den gesamten Wasserfall herum. Suchen Sie nach verschiedenen Perspektiven. Wenn Sie die richtige Kleidung anhaben (siehe oben), finden Sie vielleicht eine bessere Aufnahmeposition hinter dem Wasserfall oder seitlich davon. Vielleicht möchten Sie außerdem mal hineinzoomen und nur einen Teil des Falls fotografieren, der Ihnen besonders interessant erscheint. Machen Sie das traditionelle Bild, aber fordern Sie sich selbst mit der Suche nach einer Perspektive heraus, die Sie noch nicht gesehen haben.

 

Objektivauswahl – Die Wahl des Objektivs hat entscheidenden Einfluss auf Ihr Foto:

 

  • Weitwinkelobjektive (14-24mm) erzeugen mehr Abstand zwischen den verschiedenen Objekten im Bild, strecken sie und sorgen für eine große Schärfentiefe.
  • Kurze Telebrennweiten (35-70mm) erzeugen die realistischste Ansicht der Szenerie.
  • Lange Telebrennweiten (100-400mm) komprimieren die Szene und erzeugen Probleme bei der Schärfentiefe, denen Sie am besten mit kleinerer Blende oder Fokus-Stacking begegnen können.

 

Weißabgleich – Sie können den Weißabgleich in Ihrer Kamera vornehmen, mit den Möglichkeiten heutiger Bildbearbeitung empfehle ich Ihnen jedoch bei der Aufnahme Ihrer RAW-Bilder den Weißabgleich auf automatisch zu stellen und ihn erst später anzupassen. Ist der Himmel bedeckt, entsteht oft eine bläuliche Tonung, die ich in der Sättigung der HSL-Palette in Lightroom entferne, da mir mein Wasser in Weiß am besten gefällt.

 

Bildbearbeitung – Es gibt einige Tipps für die Bildbearbeitung, die Ihnen dabei helfen, Ihr Wasserfallfoto zu perfektionieren.

 

  • Um das Bild so zu sehen, wie Sie es aufgenommen haben, ist es wichtig, dass Sie Ihren Monitor regelmäßig kalibrieren. Ich mache das einmal monatlich mit einem Spyder5 von Datacolor.
  • Oft erhalten Sie eine bläuliche Tonung des Wassers. Da ich meine Wasserfälle lieber weiß mag, verwende ich die Pipette des HSL-Reglers in Lightroom und reduziere so das Blau.
  • Da das Auge immer zum hellsten Punkt des Bildes wandert, verwende ich die Pipette des Helligkeitsreglers, um mein Wasser gegebenenfalls aufzuhellen.
  • Jeder Wasserfall wird einige helle und langweilige Stellen haben. Ich verwende Anpassungspinsel und Radialfilter, um diese langweiligeren Stellen auszugleichen und ein einheitlicheres Wasser zu schaffen.

 

Fazit – Wasserfälle können zum Dramatischsten in der Landschaftsfotografie gehören, sowohl als einzelnes Bilder als auch als Teil einer Gesamtszenerie. Die Anwendung dieser Tipps wird Ihnen helfen, unvergessliche Fotos zu erzeugen und sorgt für mehr Spaß bei Ihrer Fotoreise.

 


 

Vita:

 

Dave lebt seit 10 Jahren in New England (USA) und betreibt vorwiegend Landschaftsfotografie. Von den Bergen New Hampshires und Vermonts bis zu den Küsten von Maine und Massachusetts sucht er nach besonderen Locations zur besten Jahreszeit und ist ständig auf der Suche nach herausragendem Licht. Er möchte mit seinen Bildern nicht nur vermitteln wie ein Ort aussieht, sondern auch wie er sich anfühlt.

 

Dave lebt in Shrewbury, MA und hält bei Fotoclubs in ganz New England Vorträge über Landschaftsfotografie. Kürzlich hat er sieben eBooks (erhältlich auf der Website von BlueHour Photo Venture) über Fototouren zu Locations in New England und St. Augustine veröffentlicht.

 

Website: http://davelongphoto.com/
Instagram: davidlong3653
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