Spotlight On – Nicolas Alexander Otto

 

Wie bist du zur Fotografie gekommen?

 

Auch wenn ich meine ersten fotografischen Schritte wahrscheinlich mit den analogen Kameras meines Vaters und meines Großvaters machte, die beide begeisterte Hobbyfotografen waren und auf ihren unzähligen Reisen rund um den Globus fotografierten, lernte ich die Fotografie erst mit Anfang 20 richtig lieben. Als Sohn einer Biologin und eines Geografen, die beide sehr reisefreudig waren, kam ich schon als Kind in ganz Europa herum, und sobald ich unabhängig war, machte ich während meines Studiums auf eigene Faust weiter. Ich flog nach Japan und in die USA, fuhr durch die Alpen und auf die iberische Halbinsel. Da mich die Ikonographie wilder Landschaften schon damals faszinierte, sei es auf den Plattencovern der Metal-Bands, die ich hörte, oder durch die fantastischen Fotos, die ich auf verschiedenen Online-Plattformen oder in den National Geographic-Magazinen meines Vaters fand, nahm ich bald die Kamera mit auf meine Reisen und begann, faszinierende Orte zu suchen und selbst zu erkunden. Seitdem ist mein Fernweh stetig gewachsen. Im Laufe des Studiums der Medienwissenschaften habe ich immer mehr Zeit in die Fotografie investiert, sowohl an der Universität als auch außerhalb. So bin ich nach dem Studium in die Selbstständigkeit gewechselt, zunächst nebenberuflich und jetzt hauptberuflich als Vollzeit-Landschaftsfotograf.

 

Welche Art Fotografie betreibst du und was hat dich motiviert, dich auf dieses Genre zu konzentrieren?

 

Für mich gibt es kein schöneres Gefühl, als irgendwo weit weg von zu Hause, an einem einsamen Ort, ganz in die Landschaft einzutauchen und dieses Hochgefühl mit der Kamera festzuhalten. Aufgrund meiner Vorliebe für die Natur und die Einsamkeit, bin ich mit Leib und Seele Landschaftsfotograf, auch wenn ich hin und wieder in Städten fotografiere, wenn ich gerade nicht weit von zu Hause wegreisen kann. Da ich im bevölkerungsreichsten Areal Europas lebe, ist das Reisen für mich eine Notwendigkeit, um überhaupt zu fotografieren.

 

Die Landschaftsfotografie vereint für mich viele interessante Aspekte: die körperliche Herausforderung des Wanderns und der Erkundung unbekannter Orte, die künstlerische Komponente, aber auch eine technische, wenn es um Ausrüstung und Bildbearbeitung geht. Je nachdem, worauf ich gerade Lust habe, gibt mir dieses Subgenre immer das, was ich brauche. Sei es ein Adrenalinschub beim Fotografieren eines Strandes am Polarkreis, das Austesten meiner Grenzen bei einer mehrtägigen Wanderung im Hochgebirge oder eine entspannte Bearbeitungssitzung am PC bei Kerzenschein mit einem guten IPA.

 

Und schließlich stellte ich irgendwann fest, dass ich nur selten einen anderen ernsthaften Landschaftsfotografen traf, mit dem ich nicht ins Gespräch kam und ein paar Lacher haben konnte. Ich habe auf meinen Reisen, online und bei meinen Workshops und Seminaren so viele tolle Menschen kennen lernen dürfen, ein wahres Privileg. All diese Menschen machen die Landschaftsfotografie für mich nochmal faszinierender!

 

 

Was ist bisher dein größter Erfolg oder deine größte Herausforderung?

 

Aus rein fotografischer Sicht war mein bisher größter Erfolg sicherlich meine 8-tägige Trekkingtour entlang des Drakensberg Escarpment direkt an der Grenze zwischen Lesotho und Südafrika, zusammen mit einigen meiner besten Freunde. Das Wetter war phänomenal und trotz der Höhe von durchschnittlich 3000 Metern und 28 kg Gepäck auf dem Rücken konnte ich einige fantastische Bilder von einer absolut andersweltlich anmutenden Landschaft machen. Diese Bilder haben mir zwar nicht besonders viel Geld eingebracht und die Investition kaum wieder reingeholt, aber für mich persönlich war es eine echte Chance zu fotografisch zu wachsen.

 

Meine größte Herausforderung besteht wohl bis heute darin, sich auch für die kleinen Dinge und die nicht so spektakulären Lichtsituationen zu erwärmen. Nach all den unglaublichen Dingen, die ich im Laufe der Jahre sehen und erleben durfte, fühle ich mich manchmal ein wenig desensibilisiert. Ich bin begeistert von exotischen und schwer zugänglichen Orten, aber in den letzten Jahren habe ich – dank Covid – vermehrt in Deutschland fotografiert, was sich für mich schon etwas beengend anfühlt, und ich säße wohl lieber im nächsten Flugzeug auf einem anderen Kontinent. Dabei gibt es so viel Schönes zu sehen und zu fotografieren, auch in Deutschland und seiner Umgebung. Ich denke, meine größte Herausforderung ist es, einen Schritt zurückzutreten und all die Dinge zu betrachten, die man leicht übersieht, und die Kreativität zu finden, mit ihnen zu arbeiten. Vielleicht habe ich schon den nächsten großen Plan nach Covid im Auge, aber bis dahin möchte ich wieder lernen, das zu fotografieren was in meiner Heimat ist, oder die Kamera vielleicht auch einfach mal daheim zu lassen und die Natur ohne mein Handwerkszeug zu erkunden.

 

 

Wer oder was inspiriert dich am meisten?

 

Natürlich sehe ich viele Arbeiten meiner Kollegen und würde lügen, wenn ich sagte, dass mich nicht auch die Arbeiten von AusnahmekünsterInnen wie Alexandre Deschaumes, Marc Adamus oder Sandra Bartocha inspirieren, aber letzten Endes sind es die Orte selbst, die mich immer und immer wieder dazu bewegen die Haustür zu öffnen und sie zu aufzusuchen. Wenn ich nach zahllosen kleinen Wanderwegen an einem plätschernden Bach in einem verlassenen Alpental stehe oder auf einem Berg samt Blick, den ich noch nie bei anderen FotografInnen gesehen habe, bin ich am glücklichsten. Dafür studiere ich Nächte lang Landkarten und Satellitendaten, suche mir Blicke und Orte raus, die zu mir sprechen und versuche sie zu erreichen. Dazu kommt, dass ich mich noch immer in der Rock- und Metalszene bewege, selbst auch seit 15 Jahren eine Band habe und viele Texte über Naturmetaphorik und die Landschaften der Seele lese und schreibe sowie viel Zeit mit Reise- aber auch Sci-Fi Literatur verbringe. Alles zusammen ergibt wohl meinen unstillbaren Durst nach neuen Orten und Erfahrungen.

 

Was ist deine Herangehensweise? Gibt es etwas, was du während eines Shootings erreichen möchtest (wie zum Beispiel bestimmte Gefühle auszulösen o.ä.) oder spezielle Techniken, die du verwendest?

 

Das ist schwer zu sagen, ich denke bei dem Aufnahmeprozess nicht zu sehr darüber nach, wie das Bild später bei den BetrachterInnen werden könnte. Ich bin meistens zu sehr damit beschäftigt mich über das Licht zu freuen, oder meine Komposition zu optimieren. Ich glaube, dass ich versuche die Lichtstimmung, die Atmosphäre und meine Erfahrung vor Ort authentisch einzufangen. Dabei suche ich mir Landschaften, die mich persönlich reizen, unabhängig von der Außenwirkung. Bei dem Fotografieren selbst, verwende ich nichts Ungewöhnliches: ich arbeite mit einer Vollformat-Kamera, verschiedenen Brennweiten, Filtersystemen und Belichtungsreihen – soweit so banal.

 

Wenn es etwas gibt, wodurch meine Fotografie etwas Eigenständigkeit erhält, was natürlich den BetracherInnen obliegt, ist es, dass ich sehr viel Zeit mit dem bereits erwähnten Location Scouting verbringe und vor Ort meine Kompositionen minutiös umsetze. Dabei versuche ich stets meine Fertigkeiten zu verbessern und mein Auge zu Schulen. Denn ein gutes Auge ist immer noch die wichtigste Eigenschaft eines talentierten Fotografen.

 

 

Warum sind akkurate Farben in deinem Workflow wichtig?

 

Da ich oft für Magazine und auch mit Kunstdrucken für Klienten und Kunden arbeite, ist Farbmanagement für mich ein wichtiger Teil meines künstlerischen Prozesses. Möchten Kunden von mir einen hochwertigen Print erwerben, muss ich von Schritt eins der Bildbearbeitung den korrekten Farbraum und die richtige Darstellung auf dem Bildschirm nutzen, damit alle fortlaufenden Anpassungen von Kontrast und Farbe sich später auf dem jeweiligen Trägermaterial wiederfinden und das Bild die Strahlkraft hat, die ich einfangen wollte, als ich den Auslöser gedrückt habe. Dabei ist ein kalibrierter Monitor für Bildbearbeitung und Soft-Proofing unumgänglich.

 

 

Hast du Tipps oder Ratschläge für Fotografen, die gerade am Anfang ihrer Karriere stehen?

 

Verbringt nicht zu viel Eurer Zeit damit anderen Fotografen zu folgen, vor allem nicht in den sozialen Medien. Schaut Euch die Werke lieber in Büchern oder auf Homepages an. Der Vergleich seines eigenen Lebens mit Fotografen die andere finanzielle Mittel zur Verfügung haben, kann zu sehr starken negativen Gefühlen führen. Nicht alle von uns haben die gleichen Startbedingungen und einige haben härter für ihren Erfolg zu arbeiten als andere. Jammern hilft nicht, nur dranbleiben und sich nicht davon ablenken lassen, dass andere FotografInnen vielleicht durch Vitamin B oder einen großes Finanzielles Polster Projekte realisieren können, von denen man selbst nicht mal zu träumen wagt. Träumen ist gut und wichtig, aber hart arbeiten ist besser! Nur so kommt man in kleinen Schritten irgendwann zum Ziel. Ich hätte mir vor einigen Jahren auch nicht vorstellen können im Jahr 2022 20 Wochen des Jahres unterwegs zu sein, touren zu leiten, für Magazine zu schreiben und mit Sponsoren zu arbeiten. Wenn überhaupt, dann wird Eure Liebe zu dem, was ihr tut und was ihr der Welt zu zeigen habt, euch dorthin führen, wo ihr hingehört.

 
 

Über den Autor – Nicolas Alexander

 

Nicolas Alexander Otto (*1987) fotografiert seit 15 Jahren, seit 2016 ist er als Dozent für Fotografie und Nachbearbeitung bei verschiedenen öffentlichen Trägern und privaten Agenturen tätig.

 

Er schreibt für verschiedene Fotomagazine und seine Fotos wurden in mehreren internationalen Ausstellungen gezeigt. Er fotografiert im Spannungsfeld zwischen abgelegenen Landschaften und Großstadtdschungel, zwischen Natur und Mensch. Sein ständig wachsender Hunger nach neuen Erfahrungen und neuen Orten treibt ihn dazu, sich hinauszuwagen und Momente für die Tage zu Hause festzuhalten.

 

In einer Welt, die immer schneller und hektischer wird, schaffen sie eine Oase der Ruhe für die Betrachter. Ob Langzeitbelichtungen an der Küste, Nachtaufnahmen in den Bergen, die blaue Stunde über einer Skyline oder der Sonnenaufgang im Wald, Alexander versucht, diese flüchtigen Momente mit ewiger Präzision und dem Streben nach Perfektion zu verewigen und so das Leben anderer zu bereichern.

 

Fotografisches Genre: Landschaftsfotografie