Storytelling mit Hilfe von Bildern von Olivia Bossert

Lange Zeit wusste ich, dass in meiner Fotografie etwas fehlte, aber ich wusste nicht, was es war. Ich schaute mir meine Arbeit an und hatte das Gefühl, dass etwas einfach nicht stimmte. Es war frustrierend, und als ich mir die Bilder anderer Fotografen ansah, fragte ich mich, was das war: „Was hat ihre Arbeit, was meine nicht hat?!“
 

Erst als ich zu einer Coachingsitzung mit der Fotoberaterin Zoe Whishaw ging, machte etwas klick.
 

Mir fehlte das Element der Geschichte in meinen Bildern.
 

Zoe erklärte mir, dass meine Bilder zwar hübsch waren, aber das war leider auch irgendwie alles, was sie waren. Nur hübsche Fotos von hübschen Mädchen in hübschen Kleidern. Es fehlte meinen Fotos an Tiefe, Charakter und Zweckgerichtetheit.
 

Am Anfang war das natürlich schwer zu verdauen. Wir wollen immer hören, dass unsere Arbeit großartig ist und den Betrachter fesselt! Nicht, dass sie, na ja… ein bisschen langweilig sei.
 

Aber anstatt zu schmollen, hörte ich aufmerksam zu was sie sagte, und als ich an diesem Abend nach Hause kam, begann ich wirklich tief in das Storytelling mit Hilfe der Kunst als Stilmittel einzutauchen. Wie erzählt man eigentlich eine Geschichte durch Kunst? Wo findet man diese Geschichten? Was machen andere Künstler?
 

Für mich kam die Antwort darauf von innen. Ich schnappte mir ein Notizbuch und einen Stift und schrieb oben auf die Seite die Überschrift: „Was macht mich aus?“ Innerhalb weniger Minuten hatte ich Dutzende von Notizen und mit diesen Notizen Hunderte von Ideen für Fotoshootings. Mir wurde klar, dass das fehlende Element in meiner Arbeit nicht nur die Geschichte, sondern auch ich selbst gewesen war. Ich versuchte, Bilder zu kreieren, von denen ich dachte, dass andere Leute sie sehen wollten, während ich in Wirklichkeit darüber hätte nachdenken müssen, wer ich bin und wie ich das in eine visuelle Geschichte übertragen konnte.
 
 

 
 

Die erste Geschichte, die ich erzählen wollte, war die meines Kindheitstraums, Künstlerin zu werden. Solange ich mich erinnern konnte, wurde ich als „ein künstlerischer Mensch – eine kreative Person“ bezeichnet. Und, ehrlich gesagt, gefällt mir diese Beschreibung sehr gut.
 
 

 
 

Als Kind hatte ich die wildesten Träume, z.B. mit Staffelei und Pinsel in einen Wald zu laufen, den Tag im Sonnenschein zu verbringen und schöne Landschaften zu malen. Ich weiß nicht, woher diese Fantasie kam, denn ich konnte nicht besonders gut Malen und es machte mir nicht einmal besonders viel Spaß, aber irgendwie gefiel mir dieser Traum.

Daher stammt auch die Idee für meine redaktionelle Geschichte „Der Künstler“.
 

Um diese Geschichte zum Leben zu erwecken, fertigte ich zunächst ein Moodboard an, das mit Bildern von Künstlern gefüllt war, die in der Natur malten. Mir wurde nämlich schnell klar, dass es viel interessanter war, statt nach Fashionfotos von malenden Models zu suchen, nach Bildern von echten Künstlern zu suchen, die auch wirklich malten, und sich von ihnen inspirieren zu lassen.

Als das Moodboard fertig war, rief ich ein kreatives Team zusammen und teilte ihnen meine Vision sowohl in schriftlicher als auch in visueller Form mit, indem ich eine sorgfältig kuratierte PDF-Datei zur Verfügung stellte. Ich fügte Stichwörter für die Stimmung und das Gefühl des Shootings ein und auch über Aussehen und Handlungen des Models. Ich fügte Notizen und Inspirationsbilder zu Styling, Make-up und Haaren hinzu. Ich erstellte eine Liste von Requisiten, die ich zur Verfügung haben wollte, und habe so meine gesamte Vision so weit wie möglich zum Leben erweckt.
 

Ich fand heraus, dass je mehr Details ich vor dem Shooting in die Planung und Gestaltung der Geschichte einfließen ließ, desto mehr verstand das Team die Richtung, die ich einschlagen wollte, und desto leichter war es, die Shootingidee in die Tat umzusetzen. Tatsächlich lief das Shooting unglaublich gut und zum ersten Mal hatte ich wirklich das Gefühl, dass ich mit meiner Arbeit eine echte Geschichte erzähle.

Wie können Sie also Elemente der Story in Ihre eigene Arbeit einbringen? Es muss nicht lang und kompliziert sein – werden Sie so kreativ und detailliert, wie Sie möchten.

Schnappen Sie sich zunächst einen Stift und ein Notizbuch und lassen Sie Ihre Ideen einfließen – notieren Sie sich Dinge, die Sie interessieren – Geschichten über Sie und Ihre Vergangenheit oder alles andere, was Sie Ihnen in den Kopf kommt. Es gibt hier kein richtig oder falsch, schreiben Sie einfach alles auf. Als ich meine Liste schrieb, habe ich Dinge aufgenommen wie:
 

  • Meine Kindheit in der Schweiz
  • Künstler sein
  • Meine Liebe zu Pferden
  • Umzug ins Ausland
  • Meine Liebe zur Farbe Blau
  • Lange Kleider
  • Heiße Sommer

 

Wenn Sie Ihre Liste geschrieben haben, wählen Sie ein Konzept, das Ihr Interesse wirklich fesselt, und beginnen Sie, diese Idee in Form einer Fotostory zu konkretisieren. Suchen Sie bei Pinterest oder in Zeitschriften nach Bildern, die Ihre Idee einfangen und erstellen Sie eine visuelle Sammlung. Wenn Sie stattdessen lieber mit Papier und Stift arbeiten, erstellen Sie eine Mind Map darüber, wie Sie Ihre Geschichte zum Leben erwecken würden.
 

 
 

Eine wichtige Sache, die man nicht vergessen sollte, sind die Requisiten. Die passenden Requisiten erwecken ein Bild wirklich zum Leben. Wenn Sie die Geschichte eines Künstlers erzählen wollen, ist es durchaus sinnvoll, Werkzeuge mit einzubeziehen, die ein Künstler benutzen würde, wie eine Leinwand, Farben oder eine Staffelei. Wenn Sie die Geschichte eines heißen Sommertages erzählen möchten, könnten es Dinge wie Eiscreme oder Liegestühle sein.
 

 
 

Auch die Location spielt eine wichtige Rolle und muss gut gewählt sein. Wenn Sie einen bestimmten Ort nicht zur Verfügung haben, könnten Sie ihn in einem Studio über das Setdesign nachbilden?

Wenn Sie mit einem Team zusammenarbeiten, müssen Sie Ihren Teammitgliedern ihr Konzept so klar und einfach wie möglich darlegen, damit sie Ihre Idee und Ihre Geschichte dahinter verstehen. Gehen Sie äußerst detailliert vor! Meiner Erfahrung nach sind Fotoshootings am besten, wenn ein Team von talentierten Leuten an Ihrer Seite arbeitet, die Ihre Vision wirklich verstehen. Nehmen Sie sich die Zeit, einen kurzen Text zu schreiben, in dem Sie erklären, worum es in Ihrer Geschichte geht, wie sich die Bilder anfühlen sollen, wie sie aussehen sollen usw.
 

 
 

Am wichtigsten aber ist, dass Sie Spaß an der Sache haben! Sie sollten eine Verbindung zu dem spüren, was Sie schaffen. Nur so können nicht nur Sie selbst, sondern auch die Menschen, die Ihr Werk später betrachten, eine stärkere Verbindung dazu herstellen. Versuchen Sie es – Sie werden es nicht bereuen!