[Adobe Gastbeitrag] Realisieren von Farbstandards in der Textilindustrie

Von Mike Scrutton, Director Print Technology & Strategy, Adobe

Es folgt ein Beitrag von Datacolor-Partner Adobe.

 

Eine Zusammenarbeit ohne ein gemeinsames Verständnis kann verheerende Folgen haben. 1999 ging der Mars Climate Orbiter der NASA auf dem Weg zum roten Planeten verloren, da die Konstrukteure die Schubkraft in zwei unterschiedlichen Maßeinheiten berechneten. Ein Team hatte die Software auf der Grundlage metrischer Newton entwickelt und ein zweites Team verwendete die Einheit „Pounds of Force“. Das Ergebnis war ein katastrophaler Eintritt in die Atmosphäre des Mars anstelle einer stabilen Umlaufbahn. Was durch eine einfache Umrechnung oder zumindest ein gemeinsames Verständnis zwischen den Teams hätte behoben werden können, endete mit einem Fehlschlag und massiver Zeit- und Geldverschwendung. Wenn Sie ein Raumschiff Hunderte von Millionen von Kilometern steuern müssen, um den Anforderungen des Kunden gerecht zu werden, sollten Sie es möglichst auf Anhieb richtig angehen!

 

Farbmanagement-Workflows können bisweilen ein ähnliches Problem bereiten – ein Problem, bei dem der Kunde oder Designer nicht ganz auf dem gleichen Nenner wie der Lieferant oder Drucker ist. Unterschiedliche Begriffe und Perspektiven können dazu führen, dass Erwartungen nicht erfüllt werden und mehrere Versuche unternommen werden müssen, bis alles stimmt. Große Modemarken teilen mir häufig mit, dass bis zu zwölf Iterationen erforderlich sein können, bis die gewünschten Ergebnisse erzielt werden. Das ist äußerst zeitaufwändig, da sich Designer und Hersteller auf unterschiedlichen Kontinenten befinden können.

Meeting the Color Standard in Textile Workflows

Eine mögliche Lösung des Problems besteht darin, die Absicht (Intent) des Designers genau zu erfassen – was hatte er im Sinn bzw. was erwartet er vom fertigen Produkt. Das muss auf die Möglichkeiten (Capability) des Druckers abgestimmt werden – wo liegen die Grenzen der Produktion, wenn man die Parameter der verwendeten Materialien in Kombination mit Herstellungsprozess, Preis und Zeit berücksichtigt. Diese beiden Konzepte von „Intent“ und „Capability“ müssen Hand in Hand gehen, wenn der Designer etwas Realisierbares (Achievability) vorgeben möchte und der Drucker etwas produzieren soll, das die Erwartungen des Designers beim ersten Anlauf erfüllt.

 

Die Verwendung von Farbstandards ist eine gängige Technik in der Textilindustrie, um die Welten von Handelsmarken und ihren Herstellern anzugleichen. Modemarken entwickeln eine präzise Definition des exakten Aussehens und Erscheinungsbilds von Farben auf einer Reihe von Stoffen und unter verschiedenen Lichtbedingungen und arbeiten mit ihren Lieferanten zusammen, um sicherzustellen, dass sie diese Farben auf den Stoffen reproduzieren können, die sie für ihre Kleidungsstücke verwenden möchten.

 

Die Definition der Farbstandards wird der Textilfabrik zur Verfügung gestellt, die sie verwendet, um ihre Arbeitsabläufe auf die genaue Wiedergabe (und Prüfung) dieser Farben vorzubereiten. Wenn Designer Farben für Drucke oder Unistoffe verwenden, können sie ihre Absicht unter Verwendung der vereinbarten Farbstandards beschreiben und darauf vertrauen, dass die Fabrik in der Lage ist, ihre Designs korrekt wiederzugeben. Jeder in der Lieferkette – vom Designer bis zum Hersteller – hat ein gemeinsames Verständnis der Farbstandards.

 

Der Designer und die Fabrik können sich anhand unterschiedlicher Tools auf diese Farben beziehen. Während sowohl der Designer als auch die Fabrik möglicherweise ein physisches Stoffmuster oder ein Farbband als Vorlage erhalten, bekommen Designer unter Umständen eine Musterset-Datei, die sie in Photoshop zum Zeichnen oder Erstellen eines Drucks verwenden können, während der Fabrik eine Rezeptur zum Mischen der Farbe und eventuell Spektraldaten für Tests, ob der bedruckte Stoff mit der Spezifikation des Farbstandards übereinstimmt, zur Verfügung gestellt werden.

 

Derartige Lösungen haben sich in der Textilindustrie zumindest bei der Herstellung von Bekleidung bewährt. Firmen wie Color Solutions International (CSI) arbeiten mit Farbspezialisten großer Modemarken zusammen, um ihnen bei der Auswahl ihrer Farbstandards zu helfen und Services bereitzustellen, mit denen sie die erforderlichen Informationen an entsprechende Teilnehmer des Workflows weitergeben können. Sie testen die Produktionsprozesse gemeinsam, um unerwünschte Metamerie zu vermeiden, bei der eine wiedergegebene Farbe unter verschiedenen Lichtbedingungen unterschiedlich aussehen könnte.

Wichtig ist, dass Datacolor Messgeräte anbietet, mit denen überprüft werden kann, ob die hergestellten Farben den vereinbarten Spezifikationen entsprechen.

 

Als wir bei Adobe die Arbeit an unserer neuen Lösung, Adobe Textile Designer, aufnahmen, wollten wir sicherstellen, dass sie sich gut in diese etablierten und bewährten Workflows integrieren lassen würde. Adobe Photoshop und Adobe Illustrator werden häufig von Designern für Drucke für die Textilherstellung verwendet. Bei unseren Untersuchungen haben wir jedoch oftmals festgestellt, dass Designer Farben auswählten, die auf dem Bildschirm „gut“ aussahen, statt Farben auszusuchen, die auch bei der Textilherstellung erzielt werden konnten.

 

Selbst wenn diese Farben gedruckt werden könnten, passiert es leicht, dass sie von den vereinbarten, reproduzierbaren Farben abweichen, die von den Farbspezialisten der Marke festgelegt wurden. Aus diesem Grund haben wir eng mit CSI und Datacolor zusammengearbeitet, um eine Lösung zu implementieren, die es Designern erlaubt, mit beliebigen Farben kreativ zu sein, aber ein endgültiges digitales Design zu erstellen, das diesen „sicheren“ Farben entspricht.

 

In diesem Screenshot sehen wir, dass der Designer die Farbreferenz-Bibliothek „Global 440 Palette“ angegeben hat – die markeneigene Bibliothek von Farbstandards. Anschließend legt er mithilfe der Software fest, welche der Farbstandards verwendet werden sollen, um das Design in der Farbkombination wiederzugeben. Beispielsweise soll die cremefarbene Nuance (die in Photoshop als RGB [253,251,236] bezeichnet wird) mit „Vanilla Cream 120066“ reproduziert werden.

In this screenshot, we see that the designer has specified their color reference library

Wenn der Benutzer eine andere Farbe erstellen möchte, kann er anhand des Datacolor ColorReaderPro eine Probe messen. Dies kann ein Farbband sein, das exakt auf den Farbstandard abgestimmt ist, oder einfach ein Stück Stoff oder eine inspirierende Farbe, die auf dem Arbeitstisch des Designers gemessen wird. Die Software bietet automatisch die bestmögliche Übereinstimmung mit einem in der Bibliothek verfügbaren Farbstandard – in diesem Fall „Poolside Aqua 0600392“.

using colorreader with adobe textile designer

datacolor and adobe textile designer

Mit dieser Methode lösen wir die Anforderungen an Absicht (Intent), Möglichkeiten (Capability) und Realisierbarkeit (Achievability). Die Möglichkeiten kommen in der Farbbibliothek der im Textile Designer geladenen Standardfarben und die Absicht in der Auswahl des Designers von Farben aus dieser Bibliothek zum Ausdruck, während die Realisierbarkeit bereits durch die Erstellung der Farbbibliothek sichergestellt ist. Es funktioniert gut, wenn wir mit herkömmlichen Walzen- oder Schablonendruckverfahren fertigen, da wir ein gemeinsames Verständnis – das des Farbstandards – verwenden und sich alle Teilnehmer des Workflows, angefangen mit dem Designer, in der gesamten Lieferkette darauf beziehen. Textile Designer bettet Informationen zum Farbstandard in die digitale Datei des Designs ein und leitet sie an die Fertigung weiter. Dort kann sie vom Hersteller zur Auswahl der richtigen Farbe und Qualitätssicherung eingesetzt werden, um zu gewährleisten, dass das Ergebnis dem von der Modemarke bestimmten Farbstandard entspricht.

 

Herausforderungen für die Zukunft

Da die Branche zunehmend auf Digitaldrucktechnologie setzt, besteht die Herausforderung für den Textildruck darin, die Farbwiedergabe in der Lieferkette nachzubilden, um den Bedürfnissen und Erwartungen der Kunden gerecht zu werden. Digitale Textildrucker verwenden keine Tinten gemäß den Farbstandards, auf die sich Modemarken möglicherweise beziehen und die in ihren analogen Lieferketten verwendet werden. Digitale Textildrucker ahmen diese Farben mit einer Mischung aus Cyan, Magenta, Gelb und Schwarz nach – sowie möglicherweise mit einigen zusätzlichen Farben, um das Spektrum zu erweitern. Leider gibt es kaum oder überhaupt keine Standardisierung für die Rezeptur dieser Farben und verschiedene Drucker sind häufig auf unterschiedliche Druckfarbensätze abgestimmt. Die präzise Wiedergabe von Farbstandards im Digitaldruck bleibt eine Herausforderung und wird einer der Hauptfaktoren sein, die der Akzeptanz des digitalen Textildrucks Grenzen setzen.

 

Bei Adobe arbeiten wir mit Partnern an Lösungen für diese Probleme. Zudem befassen wir uns damit, wie sich die Berücksichtigung von „Intent“, „Capability“ und „Achievability“ sowohl auf die von uns bereitgestellten Softwarelösungen als auch auf die zwischen Designer und Drucker ausgetauschten Informationen auswirkt. Wir können Erfahrungen und Technologien aus der Vergangenheit nutzen. Doch um die Erwartungen der Kunden wirklich zu erfüllen, müssen wir neue Tools und Lösungen entwickeln. Designer möchten nicht an einen nachgelagerten Herstellungsprozess gebunden sein, sondern ihren kreativen Prozess flexibel gestalten. Wir brauchen sowohl Werkzeuge, um Erwartungen genau zu beschreiben, als auch Geräte, um das Erreichte zu messen. Adobe freut sich, zusammen mit Datacolor zur Textile-Designer-Community beizutragen.

 

Wer möchte nun die Kleidung für unsere erste Kolonie auf dem Mars entwerfen?

 

Das Adobe Textile Design-Plug-in für Adobe Photoshop finden Sie online unter https://adobe.com/go/TextileDesigner

 

Über Mike Scrutton: Im Rahmen seiner Tätigkeit als Director, Print Technology & Strategy, im Adobe-Bereich Print and Publishing leitet Mike ein Team, das sich auf Entwicklungen im Textildruck konzentriert. Mike kann auf mehr als 25 Jahre Erfahrung im Druckbereich und ein umfassendes Verständnis kreativer und produktiver Arbeitsabläufe zurückgreifen. Er arbeitet regelmäßig mit Endanwendern, Marken, Anbietern und Partnern sowohl innerhalb als auch außerhalb von Adobe zusammen. Mike ist seit 1997 bei Adobe und für viele Technologien im Bereich PDF, Farbe und Drucken verantwortlich, einschließlich des neuen Adobe Textile Designer-Plug-ins für Adobe Photoshop. Der gebürtige Brite lebt derzeit mit seiner Familie in der San Francisco Bay Area.

 

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Haftungsausschluss: Adobe ist ein Partner von Datacolor. Die Ansichten, Meinungen und Erkenntnisse der Datacolor-Gastblogger sind die der Verfasser. Sie geben nicht unbedingt die Ansichten von Datacolor und unseren Mitarbeitern wieder.