Medikamente, Stimmungen und mehr – wie unser körperlicher Zustand die Farbwahrnehmung beeinflusst

Jeder von uns nimmt Farben ein bisschen anders wahr. Wie bereits besprochen, können externe physikalische Faktoren wie Licht, Hintergrund, Höhe und Geräusche unsere Fähigkeit des Abgleichs von Farben mit einem Standard beeinflussen. In diesem Eintrag betrachten wir eher individuelle Faktoren:

 

  • Alter
  • Medikamente
  • Gedächtnis
  • Stimmung

 

Diese Faktoren beeinflussen gemeinsam unsere Fähigkeit zur präzisen Farbwahrnehmung.

 

Altersbedingte Veränderungen

 

Die Sehkraft lässt im Alter nach. Obwohl wir wissen, dass wir eine Brille brauchen und dass unser Blickfeld enger geworden ist, ist vielen von uns möglicherweise nicht bewusst, dass auch eine präzise Farbwahrnehmung vom Alter beeinflusst wird.

 

Die Muskeln in den Augen werden im Alter schwächer, und die Augen reagieren weniger schnell auf Änderungen der Beleuchtung. Die Netzhautzellen älterer Menschen büßen zudem an Empfindlichkeit ein, was sich auf Farbkontraste auswirkt. Besonders Blautöne erscheinen für ältere Menschen blasser, möglicherweise da die Augenlinse im Alter gelblicher wird und sich Katarakte bilden.

 

Eine Studie aus den 1990er Jahren hat den Farbwahrnehmungsverlust nach Lebensphase in Jahrzehnten untersucht. Die Forscher stellten fest, dass die Fähigkeit zur Wahrnehmung von Farbton und Sättigung ab einem Alter von 50 Jahren schwächer wurde; ab 60 Jahren beschleunigte sich diese Abschwächung. Eine umfassendere Studie von 2014 bestätigte Farbverwechslungen im Alter, insbesondere für die Farbe Blau.

 

Medikamente

 

Einige Alterserscheinungen werden häufig mit Medikamenten behandelt, die sich auf die Farbwahrnehmung auswirken können. Ein Bericht aus Kanada aus dem Jahr 2016 untersuchte die Literatur nach diesen Arzneistoffen und erörterte einige von diesen, die häufig Senioren verschrieben werden.

 

 

Natürlich werden diese Medikamente auch anderen Bevölkerungsgruppen verschrieben, diesen jedoch seltener als Senioren.

 

Wenn Designer sich möglicher Farbdefizite bewusst sind, können sie diesen entgegenwirken, etwa durch Bodenbeläge oder Betriebsschalter an Geräten. Und stellen Sie sich vor, welchen Unterschied es selbst für Personen mit nur geringfügig beeinträchtigter Farbwahrnehmung machen könnte, wenn Arzneimittelhersteller zur Identifikation von Medikamenten Form anstelle von Farbnuancen nutzen würden.

 

Gedächtnis

 

Die Farbwahrnehmung ist sowohl ein physischer als auch psychischer Vorgang. Nicht nur das Auge, sondern auch der Geist ist daran beteiligt. Farbe wird auf unterschiedliche Weise vom Gedächtnis beeinflusst.

 

Erstens wirkt sich unser Gedächtnis darauf aus, wie wir Farben benennen und wahrnehmen. Wir nennen das gleiche Orangegelb vermutlich „gelb“, wenn wir eine Banane sehen, aber „orange“, wenn wir es an einer Möhre sehen, da wir bereits Erfahrungen mit beiden Objekten gemacht haben und entsprechende Erwartungen an ihre Farbe stellen. Auch jenseits der Benennung wurde gezeigt, dass der „Farbgedächtniseffekt“ Betrachter veranlasst, eine Banane als gelb zu empfinden, selbst wenn sie tatsächlich grau ist.

 

Zweitens ist unsere Erinnerung an Farbe im Laufe der Zeit und über Entfernungen hinweg nicht sehr genau. So ist es beispielsweise schwierig, die Farbe eines Accessoires in einem Geschäft mit einem Kleidungsstück zu Hause abzugleichen. Unser Gedächtnis ist ungenau, und auch die Beleuchtung und andere kontextabhängige Variablen können die wahrgenommene Farbe verändern. Vor einigen Jahren wurde eine Untersuchung zur Auswirkung von Gedächtnis und Kontextveränderungen auf den Farbabgleich veröffentlicht.

 

Sei es Seite an Seite oder aus der Ferne – das Gedächtnis ist ein Faktor, der unsere Fähigkeit zum Sehen, Beschreiben und Abgleichen von Farben beeinflusst.

 

 

Stimmung

 

Stimmung ist eine weitere psychologische Eigenschaft, die unsere Wahrnehmung beeinflusst. Eine Person, die den „Blues“ hat, kann tatsächlich größere Schwierigkeiten mit der Identifikation von Farben im blau-gelben Spektrum haben als an Tagen, an denen sie gut gelaunt ist. Obgleich die Gefühle als solche eine Rolle in der Wahrnehmung spielen, gibt es auch physikalische Erklärungen. Beispielsweise steht Dopamin, der Neurotransmitter, der unsere Stimmung beeinflusst, mit der Farbwahrnehmung in Verbindung.

 

„Graue Tage“ können ebenfalls eine physische Komponente haben. Eine deutsche Untersuchung hat die Fähigkeit von Patienten zur Wahrnehmung von Kontrasten gemessen und einen „starken und signifikanten Zusammenhang“ zwischen dem Schweregrad einer Depression und einem reduzierten Ansprechvermögen der Netzhaut festgestellt.

 

Subjektivität und Farbmanagement

 

Wie wir in dieser Reihe von Einträgen erfahren haben, wirken sich zahlreiche physikalische und individuelle Faktoren auf unsere Fähigkeit zur Farbwahrnehmung aus. Daher ist ein subjektives Farbmanagement von hoher Qualität unmöglich. Um Farben präzise zu ermitteln und zu reproduzieren, brauchen wir Werkzeuge und Prozesse, um unsere eigenen Grenzen zu überwinden.