Die Erde abbilden

Die Erde ist ein immer wichtigeres Element in meiner Naturfotografie. Damit meine ich natürlich nicht die Gesamtheit des Planeten selbst, sondern eher die Einbeziehung der Landschaft und der Umwelt in meine Bilder.
 

Früher war es bei der Wildtierfotografie üblich, den Rahmen mit dem Motiv zu füllen, es so groß wie möglich ins Bild zu bringen und dem Betrachter einen Blick auf das Motiv zu ermöglichen, den er vielleicht nie selbst sehen würde.
 

Die Sache ist jedoch die. Während formatfüllende Fotos von Wildtieren den Charakter ihrer Motive zeigen können, verbergen sie etwas ebenso Wichtiges: die Umgebung, in der sie leben. Ihren Lebensraum. Die Erde, auf der sie sich bewegen oder von der sie umgeben sind. Dies ist ein entscheidendes Element, das die Szene und die Sprache des Bildes bestimmen kann. Ganz zu schweigen vom größeren Bild der Umwelt und davon, wie schnell wir weltweit die Orte zerstören, an denen viele der Wildtiere leben. Der Verlust von Lebensräumen ist sehr real.
 

Aber um diesen Artikel etwas positiver zu gestalten, wollen wir uns ansehen, wie die Umgebung, in der diese Tiere leben, dem Bild etwas hinzufügen kann, was bei einem Porträt aus der Nähe fehlt.
 

 

Leoparden gehören zu den Tieren, die ich am liebsten fotografiere. Sie verbringen einen Großteil ihrer Zeit damit, sich im Schutz von dichten Büschen oder in Baumkronen zu verstecken. Dieses Weibchen haben wir kurz nach Sonnenuntergang fotografiert. Das letzte Licht des Tages spiegelte sich in den Wolken und warf ein wunderbares weiches, warmes Licht auf die Szene. Der Leopard war gerade von einem Termitenhügel herabgestiegen und lief durch langes Gras, bevor er auf dem Weg zu dichterem Buschwerk eine offene Stelle überqueren musste. Während der Leopard selbst ein wunderbares Motiv ist, würde ein enges Porträt den Himmel und das Gras verlieren. Wir würden die Verbindung zur Anmutung des Bildes und das Gefühl verlieren, dass ein Leopard aus der Deckung dieses wunderbar langen Grases auftaucht.
 

 

Die Einbeziehung der Landschaft kann auch dazu beitragen, der Szene ein echtes Gefühl von Größe zu geben. Krauskopfpelikane haben eine Heimat im Kerkini-See in Griechenland, wo der See vor der Kulisse wunderschöner schneebedeckter Berge liegt. Durch die Verkleinerung des Bildausschnitts und die Verwendung eben dieser Berge als Hauptschwerpunkt im Bild werden wir stärker in die Weite der Szene hineingezogen. Die Umgebung des Pelikans erhält dadurch eine gewisse Größe, und dank des Schnees auf den Bergen kann man auch die winterlichen Temperaturen erahnen.
 

 

Ein ähnliches Gefühl von Größe vermittelt dieses Bild von Basstölpeln in Hermaness, Schottland. Die Kolonie befindet sich vor dieser beeindruckend großen Klippenwand, an der unten das Meer an die Felsen kracht. Die schiere Anzahl der Vögel, die durch den Himmel fliegen, ist an sich schon beeindruckend, aber mit einem einzelnen Vogel, der im Flug eingefangen wurde, wäre das Bild völlig verloren. Um die Kolonie wirklich zu würdigen, müssen wir einen Schritt zurücktreten oder herauszoomen, um die Großartigkeit der Szene in ihrer Gesamtheit zu genießen.
 

 

Subtiler als die Darstellung einer beeindruckenden Landschaft kann auch nur die Andeutung der Umgebung wirken, wie bei diesem Bild eines Seeadlers vor der Küste von Hokkaido, Japan. Es ist zwar subtil, aber wenn man über den Grundgedanken hinwegsehen kann, dass es sich nur um einen Vogel handelt, der auf dem Eis sitzt, ist das Eis ein Schlüsselelement des Bildes und vermittelt die kalten Bedingungen, unter denen diese Vögel gedeihen. Auch dies würde in einem Porträtausschnitt einfach verloren gehen.
 

Die Schwierigkeit beim Fotografieren von Wildtieren liegt darin, dass die gesamte Szene fotogen sein muss. Bei einem Porträt muss das Tier gut aussehen, und das war’s auch schon. Wenn man jedoch die Umgebung mit einbezieht, muss auch diese gut aussehen, kompositorisch berücksichtigt werden, angenehm beleuchtet sein und mehr als nur eine Nebenrolle im Bild spielen. Sie muss das gesamte Bild ergänzen. Je mehr Elemente im Bild zusammenpassen müssen, desto schwieriger kann es sein, ein Bild zu gestalten. Aber wenn es Ihnen gelingt, wird Ihr Bild Ihnen dafür danken. Porträts werden in der Wildtierfotografie immer ihren Platz haben – sie vermitteln Charakter und Persönlichkeit. Wenn Sie wirklich Abwechslung und eine andere Art von Wirkung in Ihre Bilder bringen wollen, um die Motive zu ergänzen und dem Betrachter zu zeigen, wo und wie diese Tiere leben, und unter welchen Bedingungen Sie sie fotografieren mussten, sollten Sie an das große Ganze denken. Denken Sie an die Erde.

 
 

Über den Autor – Richard Peters

 

Richard ist ein in Großbritannien lebender Tierfotograf und Nikon Ambassador, der seinen Stil gefunden hat und Tiere durch dramatisches Licht gekonnt in Szene setzt. Seine Arbeiten wurden mehrfach ausgezeichnet, unter anderem als einer der wenigen britischen Tierfotografen, der zum europäischen Naturfotografen des Jahres gewählt wurde, und mit mehreren Preisen beim renommierten Wildlife Photographer of the Year ausgezeichnet wurde.